18-11-17

Wie Fitness Ihr Leben veränderte. Christina über Ihr Leben mit der Prothese

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Seit Ihrer Geburt lebt Christina mit einem Handicap. Warum gerade der Kraftsport eine wichtige Säule in Ihrem Leben ist, erzählt uns die McFit New Body Award Gewinnerin im Interview.

Erzähl uns etwas über dich.
Ich bin eigentlich ein ganz normales, fränkisches Madla, 25 Jahre alt und wohne jetzt seit 4 Monaten in Köln. Auf den zweiten Blick bin ich dann aber doch nicht mehr ganz so normal – zumindest sagen das die Blicke der Mitmenschen. Seit meiner Geburt habe ich eine Fehlbildung: Mein linker Unterschenkel ist verkürzt und ich bin somit auf eine Prothese angewiesen.

Trotz des Handicaps hast du dich entschlossen, aktiv Fitness und Kraftsport zu betreiben. Warum gerade diesen Sport? 
Vor allem in meiner Schulzeit habe ich den Sport gehasst. Beim Volleyball war ich die Letzte, die in die Mannschaft gewählt wurde und beim Leichtathletik-Training die Letzte, die im Ziel ankam. Ich wurde nicht gemobbt – aber ich habe dieses Gefühl gehasst, dass mich mein Handicap eingeschränkt und irgendwie ja trotzdem zum Außenseiter gemacht hat.

Vor gut 3 Jahren habe ich aber trotzdem den Weg ins Gym gewagt. Nach der Schule musste ich zwar endlich keinen Sport mehr machen, habe dann aber im Studium entsprechend zugenommen und mich noch unwohler gefühlt. Angefangen habe ich mit Zumba und Bauch-Beine-Po Kursen, bis ich erste Erfolge gesehen habe. Nach und nach haben mich dann auch Geräte und Freihanteln gereizt. Ich wollte ausprobieren, was ich trotz Prothese alles herausholen kann. Letztendlich bin ich dann bei freien Übungen und sogar beim Kreuzheben gelandet. Und es ging! Ich war plötzlich kein Außenseiter mehr, konnte mit anderen mithalten und habe mich zum ersten Mal „normal“ gefühlt. Durch den Kraftsport habe ich es geschafft mich so anzunehmen, wie ich bin. Es ist für mich also weit mehr als Bodybuilding für einen schönen Körper.

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In deinem Insta Feed kann man sehen, dass du dich vor kurzem noch dafür geschämt hast. Zu einem bestimmten Moment hast du deinen „Makel“ aber entblößt. Was war der entscheidende Auslöser dafür?
Wie gerade beschrieben war es dieses Gefühl „normal“ zu sein. Ich wurde zum Glück nie gemobbt, aber es hat lange gedauert, bis ich selbst verstanden hatte, dass ich trotz Prothese genauso unperfekt und liebenswert bin wie jemand mit einer krummen Nase oder einem Pickel. Und gerade weil es bei mir so lange gedauert hat, möchte ich andere an meinem Weg teilhaben lassen und vielleicht sogar inspirieren. Besonders durch die unzähligen, scheinbar perfekten Social Media Models fällt die Selbstakzeptanz und Selbstliebe extrem schwer finde ich.

Hast du dich so langsam an die neue Prothese gewöhnt?
Meine neuen Sportprothesen sind zwar mittlerweile fester Bestandteil meines Alltags, es gibt aber immer noch ab und zu diese Momente, in denen ich einfach nur überwältigt bin. Nach 24 Jahren kann ich plötzlich Kniebeugen machen, lossprinten und joggen gehen. Das ist so viel mehr Lebensqualität, die ich von heute auf morgen dazugewonnen habe… Ich glaube das dauert noch etwas, bis es für mich „normal“ geworden ist.

Wenn man jetzt deine Fotos sieht, kann man meinen, du hast gar keine Probleme mehr mit deinem Handicap. War das schon immer so?
Nein, ganz und gar nicht. Abgesehen von den gehassten Sportstunden, habe ich im Laufe der Pubertät angefangen meine Prothese immer zu verstecken. Unterbewusst habe ich im Sitzen mein gesundes Bein über die Prothese geschlagen, habe jeden Schwimmbadbesuch abgesagt und im Sommer lange Hosen getragen.

Was ist deine Motivation trotz des Handicaps im Gym immer Vollgas zu geben? .
Für mein Training brauch ich keine Motivation. Der Gang ins Gym ist meine tägliche Stunde für mich selbst – mein Ausgleich. Vor allem auf mein Beintraining freue ich mich jedes Mal extrem. Ich kann dank meiner neuen Prothese Kniebeugen machen. Das ist so ein Geschenk, da lasse ich nur unfreiwillig mein Training ausfallen.

Hilft dir der Sport auch im Alltag besser zurecht zu kommen?
Auf jeden Fall. Das Selbstbewusstsein, das ich durch mein Training bekomme, nehme ich natürlich auch mit in den Alltag. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich mit jedem Kilo, das ich mehr heben kann, auch mental stärker und selbstbewusster werden.

Wie sieht dein Trainingsplan/deine Trainingsroutine aus?
Momentan trainiere ich einen 4er Split: Beine, Schultern/Trizeps, Rücken/Bizeps, Brust/Po. Danach habe ich einen Tag Pause und dann fange ich wieder von vorne an. Mein Fokus ist ganz klar Beine und Po, da ich mit der alten Prothese meinen Unterkörper nicht gut trainieren konnte und daher einiges an Nachholbedarf habe.

Wie reagieren die Menschen auf dich im Gym?
Unterschiedlich. Manche sprechen mich ganz lieb und unsicher an und fragen, was mit meinem Bein passiert ist. Ich glaube, die Meisten wissen nicht damit umzugehen und vermuten vielleicht ein schlimmes Trauma hinter der Prothese, auf das sie mich nicht ansprechen wollen. Dass ich im Gym auffalle, weiß ich. Die auffälligen, starrenden Blicke tun an schlechten Tagen aber trotzdem manchmal weh. Deshalb ist mir persönlich direktes Ansprechen immer am liebsten.

Auf Social Media Kanälen bist du auch aktiv. Möchtest du damit andere Leute inspirieren?
Genau. Gerade durch meine 15-jährige Schwester bekomme ich die negativen Seiten der scheinbar perfekten Social Media Welt mit. Natürlich fängt man an, sich damit zu vergleichen… Aber wie gerade schon gesagt möchte ich dagegen ansteuern und zeigen, dass man vor allem mit sich selbst im Reinen sein muss. Auch wenn man es bei den wunderschönen Models nicht sofort sieht – auch sie haben ihre Macken. Doch genau diese „Unperfektheit“ macht uns doch erst einzigartig.

Was sind deine Ziele für die Zukunft?
Vor allem möchte ich eins: Menschen inspirieren. Auch wenn ich momentan nicht viele Menschen erreiche, erreiche ich trotzdem die Richtigen. Ich bekomme Nachrichten von jungen Frauen, die mich wirklich zu Tränen rühren. Was gibt es Schöneres, als die eigenen Erfahrungen an andere Menschen weiterzugeben, sie zu inspirieren, auf ihrem Weg zu unterstützen und ihnen Mut zu machen?

Was kannst du anderen Sportlern mit auf den Weg geben, die auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben?
Vor allem in den letzten 3 Jahren habe ich so viele Grenzen überschritten. Grenzen, die andere mir gesetzt haben. Und Grenzen, die ich mir gesetzt habe. Als ich bereits vor 2 Jahren eine Sportprothese haben wollte, ist das an Aussagen gescheitert wie „Muss das denn sein?!“. JA verdammt, es muss sein! Weil ich es will! Und weil ich daran glaube, dass ich es kann! Es hat zwar 23 Jahre gedauert, bis ich mir das zugetraut habe. Aber letztendlich trainiere ich mittlerweile 2 Mal die Woche Beine. Ich mache Kniebeugen und gehe Joggen. Glaub an dich und kämpfe für deine Ziele – es lohnt sich!

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